Alte Phono-Schaltungen – lohnt sich das??

Neben der Restaurierung alter Geräte kommt eher oder später die Frage auf, ob es sich lohnt, alte Schaltungskonzepte noch einmal aufleben zu lassen.

Im Zusammenhang mit der Restauration eines „abgerockten“ EMT 930 ergab sich diese Frage ganz natürlich.

Die EMT 155© als erste Transistorschaltung geniesst klanglich nicht den besten Ruf; weniger bekannt aber gut dokumentiert ist hingegen die EMT 139© Röhrenphonostufe mit umschaltbarer Schneidlinienkennung und einstellbarer Leistungsverstärkung.

Ein Freund hat diese Schaltung ein wenig modifiziert (Fortlassen des Eingangsübertragers für MC Systeme und des symmetrierenden Ausgangsübertragers) und ein geschicktes Platinenlayout entwickelt.

Im Original wird dieser Verstärker allerdings freiverdrahtet in einer Einschubkassette in den EMT verbaut und ist als Nachbau auch heute noch so erhältlich.

Da diese Möglichkeit für meinen Bedarf nicht zwingend notwendig war, mich aber der Klang bereits beim ersten Hören nachhaltig beeindruckt hatte, wollte ich diese Schaltung „nachbauen“ und modifizieren.

Neben der reinen Phonovorverstärkerschaltung – wie sie unter anderem auf hifiengine.com nachlesbar ist – sollte folgendes ergänzt/modifiziert werden:

– zur Erzielung hoher Brummfreiheit: DC Heizung
Buskonzept vor der Schaltung
steckbare Karten wahlweise mit MC-Verstärker (headamp), MC – Übertragerkapsel-Version, MM Eingang
– ansprechendes Gehäuselayout

Das Schaltungskonzept umfasst 2 Doppeltrioden, also die ECC83 am Eingang, und die ECC81 am Ausgang.
Die Schneidlinien sind in einer aktiven Gegenkopplung (Anode der 2. Triode auf die Kathode der ersten Triode realisiert), im Original über einen mechanischen Umschalter.

Eleganter ist dies mit Subminiaturrelais „on-board“ umsetzbar.

In der Gegenkopplung kommen wie im Original Styroflexkondensatoren und Präzisions-Widerstände zum Einsatz.
Alle verwendeten Bauteile sind noch beschaffbar, als Röhre hat sich klanglich ein jeweils gematchtes Paar der Mullard Typen aus aktueller Produktion bewährt.

Der vorgeschaltete Bus ermöglicht 5 frei wählbare Eingänge über Steckkarten:

– Version 1 ist der bereits beschriebene headamp© Verstärker als MC Eingang (jeweils Monoversion)



– Version 2 ist die Bestückung mit Übertragerkapseln, deren Position zur Minimierung von Einstrahlungen sorgfältig zu wählen und zu schirmen ist (Stereoversion)
– Version 3 ist die reine MM Karte

Auf allen Karten sind Abschlusswiderstände bzw. Abschlusskapazitäten von aussen über Dip-Schalter frei wählbar.

Die DC Heizung habe ich – aus gut gemachter Erfahrung – über einen 2 fach Ringkerntrafo und eine einstellbare Spannungsregelung mit LM317 nach Datenblatt umgesetzt.

Auf der gleichen Platine sitzt auch eine +-15V Regelung, um später Erweiterungen nachzurüsten (symmetrierung des Ausgangs; Impedanzwandler für Bandaufzeichnungen).

Die Anodespannung wird aus einem „alten“ TFK Trafo bereitgestellt und über eine klassische RC Siebung praktisch brummfrei geliefert.
Die 300V stehen wie im Original nur an der letzten Triode der ECC81 an.
Ansonsten liegt der Stromverbrauch im Bereich von 35mA pro Kanal.

Der Gehäusebau lehnt sich an existierende Konzepte an, der linke Drehschalter wählt den Eingangskanal, der rechte Drehschalter die Schneidkennlinie.

Über sanft leuchtende LED wird der jeweilige Betriebszustand angezeigt.

Als Fräser kamen diesmal Hochleistungesfräser zur Alubearbeitung der Fa. Kobratec© zum Einsatz.
Auf der stepcraft© Fräse wurden die Sacklöcher zur Aufnahme der chicen Drehknöpfe sehr präzise fertiggestellt.
Diese Fräser kommen aus europäischer Schmiede als VHM 3 Zahn Fräser und zerspanen extrem fein und sauber……

Noch ein paar Worte zum Buskonzept:

die auf den Fotos sichtbaren Relais sitzen NICHT im Signalweg, sondern dienen der Spannungszufuhr/-schaltung von 9V Batteriespannung für die headamps bzw. zum Muten der Steckkartenausgänge.
Ansonsten hätte ich pro Steckkarte eine 9V Batterie verbauen müssen.
Die mechanische Position der Batterie im Konzept ist wichtig, da man sich ansonsten bei 125uA Stromfluss und hoher Verstärkung schnell ungewünschte Brummeinstreuungen einfängt.

Den gesamten Bus habe ich möglichst weit von allen Trafos entfernt verbaut, quasi „schräg gegenüber“. Zusätzlich wird der gesamte Bus zur Gehäuseinnenseite geschirmt.

Die Inbetriebnahme gestaltete sich unspektakulär. Als erstes wurden die headamp Karten auf 125uA Ruhestrom eingestellt, was bei geschalteter Batteriespannung im Bedarfsfall mindestens 2 Jahre Betrieb sicherstellt.

Getauscht werden sollten die Batterien dann aber paarweise.

Dann wurde die Heizspannung am 12V Netzteil auf die erforderliche 6,3V für die Doppeltrioden eingestellt – immerhin 700mA pro Kanal.
Die Verlustwärme wird über ausreichend dimensionierte Kühlkörper abgeführt.

Auf dem „echten“ EMT 139 Replik Board erfolgte die Kontrolle der Sollspannungen, und dann erfolgte die Kontrolle der Schneidkennlinien am Wandel und Goltermann.



Zu recht machte Bjöern J. mich auf die Anpassung der RIAA Kennlinie aufmerksam. Hier musste der Widerstand auf 127kOhm und die Kapazität auf 560pF angepasst werden.

Schlussendlich Einstellung der Verstärkung auf Symmetrie und Klirrarmut.

Danach dann erster Hörversuch am Garrad mit SPU System:
der Übertrager brummte erst ein wenig, da er zu nahe am Motor des Garrard stand.

Dann ging aber nach Korrektur der Aufstellung des Übertragers gut los.
Der Verstärker benötigt Einspielzeit!!
Aber mit jeder weiteren Platte wird der Klangeindruck besser.

Sehr musikalisch, bass-stark trocken kontrollierend, und mit schöner räumlicher Abbildung geht das SPU zu Werke.

Dann das Umstecken auf ein vergossenes DL103R am headamp©:
brummfrei (das war meine grösste Sorge) und kernig kommt die Musik.

Zu allerletzt dann noch ein Gradosystem am MM Eingang: auch eine feine, brumm- und rauschfrei Wiedergabe.

In der Summe fällt auf, dass die EMT139© Replik kräftig verstärkt, so dass am Eingang der Preline „mehr Saft“ ansteht.
Das ist angenehm, da ich die D3a oder andere RIAA Konzepte hier bereits rauschen hörte.
Natürlich ist das Schaltungskonzept mit 2 Doppeltrioden aufwändiger, aber wie immer:
die Altvorderen wussten, was sie konzipierten und bauten.

Und: mit dem Aufkommen der SPU’s und des Standardtonabnehmers des Rundfunks EMT TSD 15 SFL war diese Art der Verstärkung ein Muss, um auf die Studionorm zu kommen!!

Ach ja: die Antwort auf den etwas provokativen Titel?
Es lohnt sich, nachzubauen!!
Die Kosten incl. Röhren für die Bauteile bewegt sich im Bereich von ca. 300 Euro in der Stereoversion.

Dortmund, Ostern 2019

Quellen:
– Schaltung EMT139© auf hifiengine.com (man muss registriert sein)
– headamp© Konzept nach J.Leach
– Fräsarbeiten und Platine auf der stepcraft© 420-2
– VHM Fräser der Fa. Kobratec©
– Drehknöpfe: „Amazon“