Revox A77

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 D3C0865Revox A77 – der Geheimtip vieler Insider – restauriert, modifiziert, aus alt mach neu.

Was für eine Geschichte hatte diese Maschine!
Verstaubt, nikotingeschwängert, technisch defekt wurde sie mir von einem Freund in die Hand gedrückt, dem ich zuvor eine Revox B77 revidiert hatte.
Seine Frau wischte noch einmal Staub und meinte: „……..so kannst Du sie niemand in die Hand drücken!“

Revox gilt ja gemeinhin wegen der passablen Ersatzteillage als reparabel, und an diesem – man verzeihe mir den Begriff – fast schrottreifen Modell sollte alle bisherige Restaurationserfahrung zum Einsatz kommen.
Und um es vorweg zu nehmen: es hat sich gelohnt!!

Mehr mit Bildern als mit Text versuche ich die Restauration und das Umrüsten einer 4 Spur Maschine zur 2 Spur Maschine wiederzugeben.

Wie immer erst mal die Ausgangslage:

– Revox A77 9,5/19cm Geschwindigkeit

– 4 Spur Maschine

– kein Einschalten möglich

– sämtliche Aussenteile von einem satten Nikotin-Teer Überzug versehen

– keine grossen offensichtlichen Defekte

Verwendetes Werkzeug:

– Ultraschallreinigungsgerät

– Diverse Schraubendreher und Federringzangen

– Spülmaschine meiner Frau

– Multimeter, Oszilloskop, Lötstation

– Kamera zur Doku und Wiederherstellung

– Servicemanual der Fa. Revox (Downloadversion

Zerlegen der Maschine:

Hier heisst es – eigentlich wie immer – behutsam vorzugehen und insebsondere bei den Plastikbedienteilen Sorgfalt walten zu lassen.
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Agressivere Chemie, ein zulanger Einsatz der US-Reinigungsmaschine und schon ist etwas irreparabel defekt.
Zunächst habe ich alle abziehbaren Bedienteile entfernt.
Linkes Bild: sieht man den ungereinigten Volumenregler, rechts den gereinigten (kontrolliertes US Bad unter Sicht).
Rechts Bild: die verbogene Frontplatte, angerostetes Auslauflager, verstaubte Bandführung.

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Einige Impressionen des Zerlegens, u.a. die wunderbare modulare Bauweise mit den Steckkarten.

Reinigung:

Hier musste ich zu einigen Tricks greifen und allerlei Technik anwenden, um wieder „Glanz in die Hütte“ zu bekommen.

Nach ausdrücklicher Genehmigung des Hausvorstandes durfte ich die Spülmaschine meiner Frau nutzen, um das komplett entkernte Druckgussgehäuse zu reinigen. Bei 40 Grad und lediglich klar Wasser mit ganz wenig Reinigungszusatz erstrahlte alles in neuen Glanz

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Alle abgebildeten Teile haben die Maschine gut überstanden, die Trocknung wurde natürlich im Reinigungsprogramm abgeschaltet.

Rein mechanische Teile und die Platine nach auslöten der beweglichen Teile wurden im Ultraschallbad mit Standardreiniger gereinigt, ebenso Metallteile (Bügel, Lager, ….). Wichtig: Danach alles gründlichst mit Aquadest abspülen und lufttrocknen!!

Restauration:

1. Motoren:

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Die beiden Wickelmotoren wurden mit neuen, geschlossenen Lagern versehen, die zugehörigen Seegerringe wurden ebenfalls getauscht. Erstaunlich, dass bei lediglich montierten Motoren das Drehen der Gussglocke einen lautlosen Lauf machte, wo vorher dtl. Lagergeräusche zu hören waren.

Linkes Bild:…der zerlegte Motor mit korrodierten Lager               Rechtes Bild: Neumontage des rechten Wickelmotor

2. Capstanmotor:

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Auch hier habe ich die Lager getauscht und die Antriebswelle ganz sachte von Korrosion befreit. Die Rückmontage auf das Druckgusschassis geht völlig problemlos

3. Kopfträger:

Da bei mir alle Maschinen im Zweispurbetrieb laufen, war hier (und in der Elektronik) ein Wechsel angesagt. ebay bescherte mir in Italien einen kompletten Kopfträger mit 2mm(!!) Spiegel für 35 €. Ein Glücksfall.

Nach gründlicher Reinigung und Entmagnetisierung fand er seinen neuen Platz in der alterwürdigen Maschine.

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Auch hier musste das rechte und linke Ein/Auslauflager gewechselt werden. Angesichts der hervorragenden Qualität und Verfügbarkeit deutscher Kugellager kein Problem. Da kreischt und leiert hinterher nichts beim schnellen Spulen.

In gleicher Weise wurden der Hauptantriebsmotor und das linke Wickellaufwerk instandgesetzt.

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Linkes Bild:…die wiederaufgebauten Motoren     Rechtes Bild: gereinigter Zugmagnet und neue Schutzdiode

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Linkes Bild:...der neue 2 Spur Kopfsatz                                                  Rechtes Bild: die Laufwerktaster nach US Reinigung

4. Bremsen und Restmechanik

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….so langsam baut sich die Maschine wieder auf……..

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Provisorischer Aufbau und vorläufiger Test der Mechanik —> das klappt!
Die Bremsen, Hubmagnete, Bandlaufmechanik wird nach Servicemanual eingestellt. Hilfreich dabei ist eine Correx Federwaage, mit der sich die Züge gut einstellen lassen.

5. Netzteil und Elektronik
Nun geht es an die Elektronik.

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Linkes Bild:...die aufgearbeitete Netzteilplatine                                Rechtes Bild: das Anschlussfeld nach Reinigung

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Bei der Revision bin ich – gut begründbar –  behutsam vorgegangen.
Vom Tausch von Halbleitern gegen rauschärmere Typen habe ich abgesehen und defekte versucht durch Originaltypen zu ersetzen.
Dran glauben mussten:

– Trimmer (gute Piha’s)
– Elkos’s (Panasonic gegen Frako)
– Motorkondensatoren
– defektes Poti der Lautstärkeregelung
– Leuchtmittel

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Dank der modularen Bauweise und der hervorragenden Dokumentation gelingt der „Rückaufbau“ dann problemlos.
Alle elektrischen Kontakte wurden sorgfälig mechanisch gereinigt und mit speziellen Kontaktspray behandelt, Fette und/oder Öle kamen nicht zum Einsatz.

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Bei der Inbetriebnahme streikte dann ausgerechnet ein Poti auf dem „Mainboard“, nämlich das zur Lautstärkeregelung.
Hier gilt mein besonderer Dank „der DIN-Norm“ und der alten Bauweise.
Solch ein Poti ist noch verschaubt und damit zerlegbar!!!!!!
Und aus modernen Produktionen können Kohlebahnen und Schleifer zur Teilrevision übernommen weden. Das dürfte es kaum noch geben!!!

6. Schlussaufbau und Einmessung

Schlussendlich wurde die Maschine nach Servicemanual und der Anleitung von Herrn Bluthard (3 Bände zum Thema) eingemessen und erfreut sich bester Gesundheit!!

Und altes letztes Gimmick habe ich das mechanische Zählwerk gegen ein elektronisches getauscht.
Das funktioniert super und ist grün auch aus Entfernung gut ablesbar.

7. Klang

Der Klang: schwierig zu beschreiben aber

warm und musikalisch
– passt sich sehr harmonisch in die vorhandene Röhrenkette ein
– tolle musikalische Wiedergabe von Bändern, die auf meiner Studer A810 gemastert     wurden
– insgesamt angenehmer als die ebenfalls revidierte Revox B77

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8. Fazit

Diese „schrottreife“ Ursprungsmaschine ist praktisch neuwertig und weisst hervorragende Messwerte bei 9,5 und besonders 19,5 cm/s im Zweispurbetrieb auf. Mein grösster Respekt den Entwicklern, die diese feine Maschine „erfunden haben“.

Dortmund, 19.7.2016

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