Uher Royal de Luxe SG 560 Totalrevision

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Der Traum meiner Kindheit trudelte auf meinem Geburtstag von einem Freund mitgebracht herein, als eigentlich ein anderes Thema (Revision weiterer Quad’s) anstand.

Der audionist hatte sie geschenkt bekommen und fragte mich, ob ich mich des Schätzchens annehmen könnte? Und ob!!

Aber ich hatte die Rechnung erst mal ohne den Wirt gemacht. Uher ist etwas gänzlich anderes als Revox, ASC oder Studer. Das sollte ich schnell merken. Aber der Reihe nach…..

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Nach Überstehen der Geburtstagphase öffnete ich zunächst mal neugierig das Gehäuse, nachdem sich bei einer Probe-Inbetriebnahme folgende „Fehler“ dargestellt hatte:

– lautes Anlaufgeräusch und unüberhörbares gefährliches Rumpeln beim Einschalten des Motors

dumpfe Wiedergabe bei Laufversuch

– hängendes VU Meter unterer Kanal

– defekte Aufnahmeknopffunktion

– krächzende Endverstärker

scheppernder rechter Lautsprecher

Aber: die Maschine war optisch in gutem Zustand, die Haube etwas blind, aber keine groben Defekte, keine Rauchermaschine, sehr sauberes Gesamtgerät.

Beim Öffnen dann die erste Überraschung: Kabelbäume fein säuberlich aufgereiht, keine gesteckte Platine, jede Menge, zunächst verwirrender Mechanik.

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Hier mit bereits demontierten Motor-Block.

Überrascht bewunderte ich die komplexe Mechanik des Einmotorenlaufwerks, bei dem 1 Motor (AEG oder später Pabst) sämtliche Laufwerksfunktionen bewerkstelligt.

Ing.-Kunst auf höchsten Niveau, grosser Respekt.

Interessant, dass der Motor vollkommen unabhängig von irgendwelchen Netzteilangelegenheiten direkt am Netz lief. Dies bedeutete:

Mechanik abgekoppelt von jeglicher Elektronik, so hatte ich es noch nie gesehen.

Bei Inspektion der mechanischen Komponenten war das Prinzip dann klar:
Motor -> Stufenrad -> Reibrad -> Capstanrad/-welle
Motor -> Riemen am Stufenrad -> Treibrad -> 2 Reibräder -> Vor/Rücklauf

Das war genial gelöst.

Wo lagen in der Mechanik die Fehler?

– der Motor lief viel zu laut, die Lager schienen nicht in Ordnung
– das Reibrad war knüppelhart und lief „unrund“, das sehr laute Laufgeräusche machte
– der Dreieckriemen war ausgeleiert
– die Treibscheibe zu Vor-/Rücklauf hatte eine dicke Delle

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…….das Lager der Capstanwelle war verschmutzt

Lösung:

– reinigen und Zerlegen des Motors und Aufarbeiten des oberen und unteren Lagers
– Abschleifen und Verrunden des Reibrades mit einem speziellen Gummireiniger
– Tausch des Treibrades und des Riemens
– penibles Reinigen aller beweglichen Teile, Lager, Achsen und Gestänge

Dank des elektrischen Warenhauses war die Ersatzteilbeschaffung an dieser Stelle nicht so schwierig.

Nach dieser Aktion wurde die Maschine wesentlich leiser, nur noch der 19cm/sek Betrieb war hörbar (ab 1/2 Meter). Erste Etappe also gut gemeistert.

Nun folgte die Elektronik – und das brachte mich an meine bisherigen Grenzen!!

Dem alten Prinzip folgend begann ich hinter dem Netztrafo.
Die Spannungen sollten hinter 2 Brückengleichrichtern bei 32V bzw. im Leistungsbereich bei 26V liegen.
Ordentliche Ernüchterung:
statt der 26V lagen nur 12V an ????

Als erstes vermutete ich die Elkos.
Alte Frakos, teiweise über 40 Jahre alt, das musste es sein.
Gedacht getan, doch keine Änderung.
Hoffentlich nicht die alten Germanium Transistoren, Ersatz wäre sehr schwer geworden.
Doch ausgebaut (gelötet) wiesen sie jungfräuliche Werte auf.
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Dann musste es „hinter“ dem Netzteil liegen. Systematisch hängte ich alle Verbraucher ab, und nach dem der Wiedergabeverstärker ausgekoppelt war, passten die Spannungen plötzlich.

Logischerweise ging hier dann die Fehlersuche weiter.

Glücklicherweise waren die relevanten Bauteile alle gegen moderne Typen austauschbar.

Nebenden berüchtigten Elkos – und hier waren 2 defekt!! – wurden alle Transistoren gegen moderne rauscharme Typen getauscht (BC 560C).

Nicht nur klanglich war die Verbesserung sofort hörbar. Erstmals lief die Maschine. Puh!!

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….der Wiedergabeverstärker neu bestückt (Elko’s und Tranistoren)

Doch wie hörte sich das an? Furchtbar verzerrt, bei Wiedergabe dumpf und muffig, das hatte noch nichts mit Musik zu tun.

Ab diesem Punkt wurde es schwierig. War es der Tonkopfträger, die Aufnahmeelektronik oder die eingebauten Endstufen?
Diesmal begann ich „von hinten“. Die Lautsprecher wurden ausgebaut und hinter audiophile Endstufen gepackt. der rechte war defekt, also Austausch.

Die Endstufen wurden dann über Signalgenerator „befeuert“ und mittels Oszillsokop gemessen. Alles im grünen Bereich.

Also begann die Suche auf der Hauptplatine. Dazu musste diese aber erst mal „mobilisiert“ werden. Der Ausbau erfolgte komplett mit Potis, dem berühmten Stufenschalterturm und der Eingangs-/Ausgangsplatine.

Ab hier fand ich die Revision ungemütlich, da der Zugang schwierig und mechanisch aufwändig wurde. Aber es half nichts.

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Systematisch habe ich zunächst den Equalizer und Lautstärketeil der Hauptplatine gemssen: alles okay.

Dann der Aufnahmeverstärker: und siehe da, wieder Elkos und Transistoren.

Damit war der Weg an den Tonköpfen vorbei in Ordnung. Die Aufnahme/Verstärkereinheit funktionierte jetzt einwandfrei.

Aber die Aufnahme immer noch etwas muffig, die Aufnahme ganz schecht.

Mein Verdacht richtete sich auf den alten 4 Spur Kopfträger  – und da sollte ich nicht falsch liegen.

Neben dem Ersteigern eines neuen 4 Spur Kopfträgers suchte ich den Fehler weiter im Aufnahmeteil vor den Tonköpfen – und wurde fündig:
ein Schlauberger hatte die Widerstände for dem Aufnahmekopf „angepasst“, so dass eine Abweichung von 50% vorlag.

Zusätzlich war ein Transistor vor dem Abzweigen des Signals VU-Meter/Aufnahmekopf defekt -> TAUSCH.
Das Oszilloskop stellte sich als wertvoller Helfer in der Signalverfolgung heraus und isolierte zuverlässig defekte Bauteile.

Mittlerweile war das Bauteilegrab erheblich gewachsen, ohne dass ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Die Aufnahme war nicht zufriedenstellend.
Masterbandaufnahmen klangen in der Wiedergabe inzwischen zwar ganz gut, aber die Aufnahme war unbefriedigend.

Es bleib nur das Warten auf einen neuen Tonkopfträger. Die im Kopfträger verbauten Potis, Widerstände und Kondensatoren waren getauscht und gemessen, aber kein Erfolg.

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Die Fehlersuche auf der elektronischen Ebene war ausgeschöpft. Also Warten auf die „neuen Köpfe“.

An dieser Stelle eine ganz persönliche Zwischenbemerkung.
Es sind inzwischen einige unseriöse Anbieter „unterwegs“, die Tonkopfträger als super funktionierend und NOS beschreiben. Dem ist sehr kritisch glauben zu schenken.
Am besten fordert man MAKROAUFNAHMEN der Köpfe an, ansonsten ist es ein Rouelettespiel.

Ich hatte Glück. Der Kopfträger aus Mülheim sah bereits im Angebot gut aus und betstätiigte dies beim Eintreffen.

Fix eingebaut und dann der spannende Augenblick:

wieder nichts!!
Die Bandrolle transportierte nicht, es rührte sich gar nichts. Aber ich wusste mittlerweile, dass die Mechanik sehr empfindlich auf die Lage des Wiedergabekopfes reagiert.

Dank Servicemanual erfolgte die Neujustage der Start/Stop Funktion, des Bandrollenandruckes, des Haltemagneten und dann war es endlich so weit:

bereits uneingemessen waren Vor-/Hinterbandkontrolle akustisch identisch.
WAS FÜR EIN GLÜCKSGEFÜHL!!

Der Rest war einfach.
Das Bandmaterial der Wahl auf die Maschine (RMG35), Lautstärke über die rechte Potigruppe abgeglichen und dann pro Aufnahmekopf das NF Maximum (linke Potigruppe) – und es passt!!

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Plötzlich wurde klar, warum diese Maschine mit der Revox A77 in etwa auf ein Niveau gepackt wurde, wenngleich mit vollkommen unterschiedlicher Technik.

Ich war und bin baff, was aus dieser Maschine kommt, wenn sie sorgfältig gewartet und abgeglichen ist.

Rasch erfolgte der Wiederaufbau und die optische Revision.

Bei der Haube griff ich zu einem Trick aus dem Automobilbereich und verhalf dem getrübten Blick wieder zu klaren Durchblick. Die Maschine sieht aus fast wie neu!!

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 …matte stumpfe OberflächeEL3N DSC9309

 …nach der „Reparatur-Politur“

Natürlich stellte sich noch ein unterwarteter Fehler ein: die Aufnahmetaste muckte.
Und hier lag der Fehler verborgen und macht deutlich, wie schwierig eine Fehlsuche bei alten Geräten sein kann: eine gebrochene Kontaktfeder IN DEM SCHALTER:

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Aber auch das war durch systematische Suche zu finden und zu beheben.

In den kommenden Tagen kann ich dem Audionisten seine Maschine in neuwertigen Zustand zurückgeben. Ein ordentliches Stück Arbeit, aber für den Erhalt der deutschen Tonbandgeschichte hat sich das allemal gelohnt.

Die Maschine spielt superb und macht angesichts Optik und genialer Mechanik einfach nur Spass.

Ich hatte mir als Jugendlicher ZU RECHT an der Schaufensterschiebe die Nase platt gedrückt 😉

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Dortmund, 3.3.2017

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